Die Kapelle St. Sigismund in Oberwittighausen

Lage und Patronat

Die Sigismundkapelle liegt im Wittigbachtal, das uraltes, vorgermanisches Siedlungsgebiet war, auf einer Höhe nordwestlich von Oberwittighausen. Sigismund war König von Burgund, der sich mit seinem arianischen Volk dem christlichen Glauben anschloss und nach einer Niederlage gegen die Franken 523 in einem Brunnen ertränkt wurde. Das Fest des Hl. Sigismund wird am 2. Mai gefeiert. Er gilt als Beschützer von Mensch und Vieh. Man opferte ihm Geld, Tiere, Getreide und rief ihn bei giftigen Krankheiten und Seuchen an. Im Volksmund wurde die Kapelle wegen der vielen Salzopfer auch „Salzkapelle“ genannt.

Besitzverhältnisse

Aus dem Mittelalter ist belegt, dass das dem Erzbistum Mainz zugehörige Poppenhausen die Mutterpfarrei von Ober- und Unterwittighausen war. Im Laufe der Zeit wurden die beiden Wittighausen zu eigenen Pfarren (Bistum Würzburg), wobei vom oberen Ortsteil nur etwa die Hälfte der Einwohnerschaft darin aufging, während der bisherige westliche Teil, auch die Sigismundkapelle, bei Poppenhausen verblieb. Schon in einer Ablassur-kunde aus dem Jahr 1285 wird die Kapelle dem Erzbistum Mainz zugehörig beschrieben. Zweifelsfrei belegt ist dies seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Offensichtlich wollte in dieser Zeit der Landgraf von Leuchtenberg, gesessen in Grünsfeld, dem Aschaffenburger Stift das Patronatsrecht über die Filialkapelle und damit auch das Recht auf Zehntbezug in Oberwittighausen streitig machen. In einem Bericht nach der Renovierung des Jahres 1668 ist zudem ausführlich erwähnt, dass das uralte Recht der Mainzer Bischöfe wieder hergestellt wurde.

Im Jahr 1827 wurde im Rahmen einer diözesanen Neuordnung der noch bei Poppenhausen verbliebene Teil der Einwohnerschaft, und damit auch die Kapelle, der Pfarrei Oberwittighausen zugeschlagen. Dafür erhielten die Poppenhäuser ab 1829 den Hof Lilach als Filiale zugeteilt.

Die Kapelle war bis zu diesem Zeitpunkt das in Franken am weitesten östlich gelegene Gotteshaus der Erzdiözese Mainz – ein Umstand, der vielleicht damit zu tun hatte, dass hier das Geleitsrecht der Bischöfe vom Rhein endete.  

Übertragung an die Gemeinde

Der Rückgang der Filialisten (Einwohner von Oberwittighausen, die zur Pfarrei Poppenhausen gehörten – zuletzt nur noch drei Familien) im 18. Jahrhundert, hatte auch Auswirkungen auf den baulichen Zustand der Kapelle. Notwendige Reparaturen konnten nicht mehr damit begründet werden, dass ein Bedarf bestehe. Die oben erwähnte Abtrennung von Poppenhausen 1827 war die logische Folge.

Das Bauwerk wurde für 12 Gulden und 54 Kreuzer an vier Bauern aus Oberwittighausen zum Abbruch versteigert. Auf Bitten der Gemeinde lehnte jedoch das zuständige badische Innenministerium den Verkauf und damit den Abbruch ab. Noch im Jahr 1827 wurde die Kapelle an die Gemeinde Oberwittighausen übergeben, verbunden mit diversen Auflagen. Beispielsweise durften keine feierlichen Gottesdienste dort stattfinden, Guttäter mussten die Bau- und Unterhaltslast tragen und das Vermögen des Kapellenfonds sowie das Barvermögen gingen in den Besitz der Gemeinde über. 

Die Kapelle als Wallfahrtsort

1354 wurde ein Teil der Gebeine des Hl. Sigismund von Burgund nach Prag in den Veitsdom überführt. Da der Weg der Sage nach über Oberwittighausen führte, wurde die vorhandene Kapelle in St. Sigismundkapelle umbenannt, nachdem sie vorher St. Martin und Nikolaus von Myra geweiht war.

Das Gebäude wurde zur vielbesuchten Wallfahrtstätte und soll sogar Pilger aus dem fernen Böhmen angezogen haben. Einige Flurnamen weisen noch heute auf diesen Sachverhalt hin, beispielsweise das Feldstück „Pilgerspfad“ zwischen Ober- und Unterwittighausen oder der Ackerstreifen „Sigismundpfad“ am Hang des Kapellenberges. Ein hochgelegener Flurstreifen auf Gemarkung Oberwittighausen trägt den Namen „Jerusalem“. Außerdem gibt es zwischen Gaubüttelbrunn und Oberwittighausen einen sogenannten „Böhmerweg“.

Die Hammerwurflegende

Da es in der näheren Umgebung der Sigismundkapelle noch zwei weitere „ungewöhnliche“ Kapellen gibt (die Achatiuskapelle in Grünsfeldhausen) oder gab (die Michaelskapelle in Gaurettersheim), entstand im Volksglauben die sogenannte „Hammerwurflegende“. Demnach soll ein Riese jeweils nach Vollendung einer Kirche seinen Hammer weggeworfen und an der Fundstelle eine weitere gebaut haben. Nur so konnte man sich die Existenz dieser ähnlichen Bauwerke erklären.

Kirchhof, Grundriss, Raum, Turm und Fenster

Die Kapelle ist umgeben von einer bis zu 1,80 m hohen Mauer, die aus plattenartigen Kalkbruchsteinen trocken aufgebaut wurde. Der Kirchhof im Süden ist mit seinen 6 x 12 m unregelmäßig angelegt. Einstmals standen dort zwei Jahrhunderte alte Linden, von denen jetzt nur noch eine existiert.

Das Gebäude besteht aus einem unregelmässigen Zentralbau mit Zeltdach und Dachreiterturm. Aus der Ostseite des Oktogons ist der Chor herausgebildet. Der Eingang mit seinem prächtigen Portal befindet sich auf der Südseite. Der Turm in der Mitte hat einen quadratischen Grundriss, der über der Decke des Kapellenraums in ein Achteck übergeht.

Der Zentralraum besitzt keine architektonische Gliederung. Seine Umfassungswände sind geputzt und nur durch je ein großes Fenster in der Südost- und Nordwand durchbrochen. Rechts neben dem Eingang befindet sich eine Tür mit glattem Kalksteingewänd, die den Durchgang zu einer innerhalb der Mauer angelegten Treppe bildet. Diese führt zum Dachstuhl und wird durch ein kleines Fenster zum Inneren der Kapelle erhellt.

Die Decke wird durch die Balkenlage des Dachstuhls gebildet. Diese Deckenbalken sind mit Brettern verschalt.
In der Ostwand befindet sich die Öffnung zum Chor hin, die in einem gedrückten Spitzbogen überwölbt ist. Die Mitte wird von den vier Pfeilern des Turmes beherrscht.

Der Turm mit Knauf und Kreuz befindet sich in der Mitte des Zentralraumes und ist nach allen vier Seiten durch hohe Spitzbogen geöffnet. Die schweren Eckpfeiler stehen auf kräftig ausladenden, einfach abgeschrägten Sockeln und sind an der inneren Ecke ausgeklinkt.
Das Turmquadrat ist von einem Rippenkreuzgewölbe überdeckt, dessen Rippen auf beiden Seiten mit Ornamenten in dunkler Farbe verziert sind. Diese Rippen setzen 1,32 m über dem Boden ohne Vermittlung eines Dienstes an.

Die äußeren Mauerflächen des Turmeinbaus sind verputzt; der obere Teil der Südwand zeigt das Jüngste Gericht in Freskotechnik. Die Leibungsflächen der Spitzbogenöffnungen sind getünchte Kalksteinquaderflächen. Nach dem Durchstoßen der Holzbalkendecke wird der viereckige Einbau nun achteckig weitergeführt. Große Eckflächen und Mauerabsätze dienen als Aufleger für die Dachbalkenlage.

Durch Überbrückung der Ecken mittels dreier, nacheinander immer stärker hervortretender Quadersteine wird die Entwicklung des Achtecks aus dem Quadrat erreicht.

Der Zugang zum Turm besteht aus einer Schlupföffnung in Höhe der Balkendecke des Zentralraumes. Licht fällt dort durch schmale Schlitze mit Werksteinumrahmungen ein. Das Mauerwerk des Turmes ist aus unverputztem Kalkbruchstein. Im Innern befinden sich drei Reihen übereinanderliegender Rüstlöcher. Ursprünglich sind nur noch die drei Fenster im Chor. Die übrigen entstanden erst im 19. Jahrhundert im Zuge des Wiederaufbaus.

Das Steinmaterial

Die unteren Teile der Kapelle und die Werkstücke des Portals sind aus dichtem, dauerhaftem, blaugrau verwitterndem Muschelkalkstein. Auf einen ordnungsgemäßen Verband des Mauerwerkes wurde wenig geachtet, dagegen wurden die Quader sehr sorgfältig zusammengefügt. Die feinen Fugen sind ausgewaschen und in jüngster Zeit durch Zementmörtel dick verstrichen. Die Ansichtsflächen der Quader wurden mit dem Flächhammer glatt gearbeitet, ebenso die der Quader an den Leibungsflächen des Chorbogens im Innern.

Olivgrün-grauer Lettenkohlensandstein taucht vereinzelt am gesamten Bauwerk auf, der Spitzbogenfries des Chores ist ganz aus diesem Material. Auch wurde diese Steinart für die Renovierung der Kapitelle und Rippen des Chorgewölbes sowie einzelner Rippenstücke in der Turmhalle verwendet. Leider sind diese Teile durch die starke Verwitterung zum Teil zerstört.

Der Turm besteht aus Muschelkalkstein, der technisch besser bearbeitet wurde als die Umfassungsmauer der Kapelle. An den Kanten finden sich teilweise sauber behauene Ecksteine.

Das Portal

Den Schwerpunkt des an sich streng und ruhig gegliederten Bauwerks bildet das mit vielen Plastiken und Reliefs bedeckte Portal. Der Eingang ist in einem Rundbogen überwölbt und durch eine Rechteckumrahmung nach oben abgeschlossen.

Das Gewänd ist dreifach abgestuft. Die Tiefenstaffelung wird durch den Wechsel dreier Rundsäulchen und zweier spitzwinkliger Vorlagen erreicht.

Die Säulen stehen auf niedrigem glatt durchlaufendem Sockel, der ehemals gedrückte, 5 cm hohe attische Basen besaß, die nun durch die Verwitterung nicht mehr zu erkennen sind.

Die Bündel aus Säulen und Vorlagen werden durch ein friesartiges Band von Kapitellen in einer Höhe von 2,08 m über der Schwelle zusammengefasst.

Die Portalleibungen und die Kapitelzone sind jünger als die Portalbogensteine und der viereckige Rahmen (Rudolf Kuhn „Die Sigismundkapelle...“). Beim Bau der unterhalb der Kämpferzone liegenden Teile des Portals gegen Ende des 12. Jahrhunderts wollte man Teile des älteren Portals und des Rahmens einbrechen und zwängte dabei den älteren Rahmen mit dem ersten und letzten Bogenstein ein.

Die Fläche zwischen Portalbogen und Umrahmung ist ausgefüllt von einem roh gearbeiteten Spitzbogenfries auf Konsolen. Die acht Bogen des Frieses sind ungleichmäßig hoch und zeigen wie die Konsolen unterschiedliche Profile. Unterhalb der Konsolen zeigt sich eine Nahtstelle im Mauerwerk: bis hierher blieb das Bauwerk im 30-jährigen Krieg erhalten. Bei den nachfolgenden Renovierungen wurde das übrige Portalmauerwerk sehr lieblos zusammengesetzt. Der Fries zeigt unterschiedliche Konsolen, von denen zwei durch eine hundeähnliche Plastik ersetzt wurden. Diese wurde, wie die übrigen Plastiken auch, nicht mehr an seinen ursprünglichen Platz, sondern willkürlich und unwissend irgendwo hingesetzt. Ein Überrest des Portalschmucks wurde rechts außerhalb der Umrahmung in das Mauerwerk eingelassen.

Im Spitzbogenfries erkennt man die plumpen Bogensteinformen als nachträgliche Ergänzung, ebenso den glatten, bildlosen Stein am Scheitel des Bogens. Auch das Auseinanderklaffen der Werksteine zwischen dem äußeren runden und dem folgenden eckigen Profil zeigt, dass man sich nicht sehr um die Instandsetzung gekümmert hat.

Baugeschichte – Die Entstehungszeit

Das Wittigbachtal, in dem die Kapelle liegt, ist uraltes, vorgermanisches Siedlungsgebiet. Dies wird bestätigt durch die Existenz von sieben Grabhügeln, die im Waldstück „Zollstock“ zwischen Oberwittighausen und Poppenhausen liegen. Weitere befinden sich zwischen Hof Lilach und Kirchheim. Ebenso wurden hier vier Goldmünzen aus der La-Tène-Zeit (die letzten vier Jahrhunderte vor Christus) gefunden. In dieser keltisch-germanischen Höhensiedlung soll auch ein heidnisches Heiligtum gestanden haben, das wahrscheinlich dem Wasserkult gedient hat. „Bereits in den frühen Missionszeiten ließ sich ein Achteckbau leicht aus Holz errichten, wenn er nicht schon zu heidnischen Zeiten als Schutz einer Quelle vorhanden war. Später wurde der Holzbau dann von einem Steinbau gleicher Form ersetzt und auch weiterhin beibehalten.“ (Rudolf Kuhn „Die Sigismundkapelle...“).

Die Umwandlung einer heidnischen Kultstätte in eine christliche Kirche ist nicht ungewöhnlich und geht auf eine Anweisung Papst Gregors des Großen zurück, die besagt, dass diese Stätten nicht zerstört, sondern nur von Götzenbildern gereinigt werden sollten. Vielleicht erbauten auch langobardisch-lombardische Wanderkünstler das Bauwerk anstelle eines heidnischen Wasserheiligtums. Da die Meister versuchten, eine Quelle im Nordwesten in die Anlage einzubeziehen, erhielt sie einen unregelmäßigen Grundriss. Die Künstler kamen aus der Schweiz und zogen über den Schwarzwald, Schwaben, Franken bis nach Skandinavien. Ähnliche Kapellen befinden sich in Thüringen, Niedersachsen und im südschwedischen Lund. Nach Rudolf Kuhn stimmen sie größtenteils im Grundriss und bei den bauplastischen Formen mit der Sigismundkapelle überein.

Die Entstehung der Anlage könnte jedoch auch andere Hintergründe haben. Kreuzfahrer brachten die Achteckform (vgl. die Omar-Moschee und das Heilige Grab in Jerusalem) in Anlehnung an syrische Zentralbauten ins Abendland. Nach Dr. Otto Trier erbaute der Templerorden, der Anfang des 14. Jahrhunderts aufgehoben wurde, die Kapelle und drückte in den Reliefs am Portal einzelne Suren des Korans aus. Diese Theorie stützt sich auf Vermutungen, die bisher nicht bewiesen werden konnten. Rudolf Kuhn bringt eine weitere These ins Gespräch: Der Bau sei direkt durch die Burgkapelle auf dem Marienberg in Würzburg angeregt worden. Da die Kapelle zur Pfarrei Poppenhausen und somit zum Mainzer Einflussbereich gehörte (Oberwittighausen unterlag von jeher Würzburg), war sie wahrscheinlich als Urpfarr- und Taufkirche Stützpunkt der nachkilianischen Mission von Tauberbischofsheim aus. Als Pfarr-Taufkirche war sie eigentlich für diesen Zweck zu groß, auch wenn man die Orte der Umgebung einbezieht. Vielleicht war die Sigismundkapelle in ihrer frühen Zeit eine erste Pfarrkirche für eine gewisse Anzahl von Orten der Umgebung, bevor Poppenhausen 1184 eine eigene Pfarre wurde und Unterwittighausen eine Kirche bekam. Nach dem Einbau des Turms waren keine Gottesdienste mehr möglich und die Kapelle wurde zum Wallfahrtsort deklariert.

Portal-Deutung nach Rudolf Kuhn

Die Einzelplastiken zeigen eine altertümliche Darstellungsweise. Der Betrachter sieht die Figuren streng von vorn, bei der hundeähnlichen Gestalt wird der Körper auch von der Seite gezeigt. Insgesamt sind diese recht primitiven Figuren von starker Plastizität. Da schon der Aufbau ein Konglomerat von Architekturstücken ist, darf man in dem Bildschmuck des Portals keinen leitenden Grundgedanken ausgedrückt suchen. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Art der Reliefs der Bogensteine beinflusst wurde durch die ausklingende germanische Holzbaukunst. Durch diese Vermischung der ausschmückenden Figuren mit den symbolhaften christlichen Bildern geht der ursprüngliche Sinn verloren.

Jedoch kann man allgemein die Absicht erkennen, mit den Darstellungen die Menschen an die drohenden Strafen der Hölle zu erinnern, vor denen die christliche Kirche mit ihren Verheißungen Schutz bietet. Auch könnten die Tier- und Sternplastiken auf den Bogensteinen bedeuten, dass man sich vor dem Betreten des Heiligtums von Luft- und Wassergeistern, von Astrologie und anderen Einflüssen böser Geister reinigen muss.

Wie schon beschrieben, wurden die Einzelplastiken recht willkürlich in das Rechteck des Portals gesetzt. Links erkennt der Betrachter einen sitzenden, adlerähnlichen Vogel (5), dessen Kopf heute fehlt. Darüber ist ein ebenfalls kopfloser, sitzender Bischof mit einem Stab (6) eingelassen, der in der Linken ein Buch hält. Oskar Heckmann sieht in dieser Gestalt im Gegensatz zu Rudolf Kuhn eine Nonne mit der Andeutung eines Schleiers. Oberhalb liegt der Löwe oder Hund (7), der zwei Konsolen des Frieses ersetzt. Dieser scheint als einzige Figur noch ursprünglich. Auf der rechten Seite sieht man im Zwickel zwischen Bogenstein und Rahmung einen schmalen, wohl weiblichen Kopf (3) mit Halsring. Er gehörte wahrscheinlich zu einer größeren Figur. Die relativ gut erhaltene Plastik darüber zeigt einen Mönch oder Bischof (2) mit gedrehtem Stab. Die linke Hand, die wahrscheinlich ebenfalls ein Buch hielt, ist nicht mehr vorhanden. Außerhalb des Portalrahmens wird ein Teufel (1) dargestellt, der eine „arme Seele am Kragen“ hält, während er selbst mit einer dicken Kette an einen Pfahl gefesselt ist. Die Bischöfe sind die beiden alten Patrone St. Martin und St. Nikolaus, in deren Mitte als Zeichen eines Exorzismus ursprünglich der Teufel stand.

Die übrigen Motive sind allesamt nicht-christliche Darstellungen und somit schwer in einen Zusammenhang zu bringen.

Die Deutung der acht Bogensteine beginnt mit dem ersten Stein links unten. Bitte beachten Sie hierzu die doppelseitige Abbildung in der Mitte der Broschüre. Die Frontseite (A) zeigt wellenähnliche Linien, aus denen eine Art Pflanze auftaucht. Auf der Fase (4) erkennt man eine menschliche, stürzende Figur mit Fischflossen, die Gestalt dicht dabei könnte einen Wassermann darstellen, worauf der schuppenbedeckte Körper hinweist – eine „herausgebannte Sirene“. Oskar Heckmann sieht in dieser Figur ein Wickelkind.

Der Betrachter erkennt im zweiten Stein (B) einen schwebenden oder herabstürzenden Drachen mit gefletschten Zähnen. Die Fase zeigt fünf verschiedene Sterne. Vielleicht wird hier das Sternbild des Drachen gebannt.  Der dritte Stein (C) erinnert durch die etwas unbeholfen dargestellten, mehrteiligen vier Blätter an frühe Palmetten – ein symmetrisch geordnetes, fächerähnliches Ornament, als Friesband oder Einzelform verwendet. An der Fase zeigen sich dem Betrachter zwei sich an der Schnauze berührende Ferkel oder bärenartige Tiere. Im vierten Portalstein (D) sind fünf gleichartige Zeichen dargestellt, ein sechstes rechts und links angeschnitten, die untereinander verbunden sind. Die Fase zeigt zwei Sterne und zwei pyramidenförmige Gebilde. Wörtlich schreibt Rudolf Kuhn in seinem Sigsimund-Buch auf Seite 5: „Die verschlungenen Ornamente des Frontsteines weisen uns hin auf die Bandornamente der Langobardischen Kunst (laufender Hund) und somit auf die mutmaßlichen Künstler des Portals von St. Sigismund“.

Im Scheitel sitzt der schmucklose Keilstein, der vielleicht 1647 aus statischen Gründen bei der Restaurierung eingesetzt wurde, jedoch keinen Zusammenhang mit der Folge des ursprünglichen Portals besitzt. Das fünfte Flachrelief (E) ist ein Teufelskopf mit Hörnern und Eselsohren. Durch die Darstellung der Flügel ist wahrscheinlich versucht worden, einen ausgetriebenen bösen Geist, der nun verschwindet, zu zeigen. An der Fase ist eine Figur mit Fischleib und Vogelkopf dargestellt. Rechts daneben sitzt eine menschliche Gestalt mit froschähnlichen Beinen und Flossenfüßen. Die henkelförmigen Arme halten ein traubenähnliches Gebilde. Bemerkenswert am sechsten Stein (F) ist, dass der krokodilartige Drache, der dem des Steines B ähnelt, am äußeren Bogen, also „am Himmelsgewölbe“ entlangläuft. Die Fase zeigt drei Sterne. Der Baum des siebten Portalsteins (G) hat einen zweiteiligen Stamm, der sich dreimal „in der Art langobardischen Flechtwerks“ windet und in einer dreifachen, strähnigen Blattkrone endet. Rechts frisst ein merkwürdigerweise liegender Hirsch am Blatt. Wahrscheinlich wird hier das Motiv des Lebensbaumes dargestellt.

An der Fase sitzt ein adlerähnlicher Vogel auf einer Kugel. Darunter befindet sich ein schiffchenähnliches Gebilde mit knotenförmigen Verdickungen an den Enden, nach Kuhn ein „anatomisches Gebilde mit Symbolgehalt“. Die Zeichen am achten und letzten Bogen (H) haben hieroglyphenartigen Charakter und erinnern nach Kuhn an die „Würzburger Domspiralen und ihre Abkömmlinge“. Sie haben wahrscheinlich eine unheilabwehrende Bedeutung. Die Motive kommen auch auf langobardischen Gürtelschnallen vor. Auf der Fase windet sich eine Schlange, die ein heiliges Tier der antiken Frühzeit und der Langobarden ist.

Einen sinnvollen Zusammenhang kann man in diesen Motiven, die zudem oft nur schwer identifiziert werden können, nicht finden. Allgemein lässt sich für die Deutung des Gesamtportals sagen, dass die Stelle eines Kirchenbaues von bösen Luft- und Wassergeistern gereinigt sein muss (Rudolf Kuhn „Die Sigismundkapelle...“, Seite 9). Auch der Analphabet sah sofort die Notwendigkeit, die Kirche von Sünden frei zu halten. Die häufigen Tier- und Sternmotive sollten eventuell eine Verdammung der Astrologie ausdrücken.

Baugeschichte – Romanik

Ob der Nebenbau, also der Chor, zusammen mit dem Hauptbau entstand, ist nicht sicher. Der durchgehende Sockel, der Mauerwerksverband und die gleichartige Steinverarbeitung lassen auf eine gleichzeitige Erbauung schließen. Das polygone Chorgewölbe und der leichte Spitzbogen der Choröffnung sind Hinweise auf bereits gotische Einflüsse.

Da die Kapelle heute noch Wehrcharakter besitzt, der früher, ohne Choranbau, noch stärker ausgeprägt war, glaubte Rudolf Kuhn, dass das Bauwerk eine Art Wehrkirche mit fensterlosem Untergeschoss war. Ursprünglich soll es zweigeschossig gewesen sein und höhergelegene Fensterchen besessen haben, bis Anfang des 13. Jahrhunderts die Chorapsis angebaut worden sein soll. In den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens erlitt die Kapelle schon größere Beschädigungen, die um das Jahr 1285 ausgebessert wurden. Besonders der Chor war reparaturbedürftig – das obere Quadermauerwerk war zerstört und wurde bei der Wiederherstellung nicht mehr ergänzt. Deshalb verläuft der Spitzbogenfries viel tiefer als der ursprüngliche Hauptfries des Oktogons, der nun nicht mehr vorhanden ist. Das Portal entstand in den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts. Der Portalrahmen sowie die Bogenreliefs sind etwas älter als die Plastiken, die wahrscheinlich von langobardischen Wanderkünstlern geschaffen wurden. Die Bau- und Schmuckformen der älteren Teile des Portals stammen ebenso wie die Lisenen des Oktogons und die Kalksteinteile des Chors aus dem zweiten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts. Bis in zwei Meter Höhe ist das Portal ursprünglich, das übrige wurde dagegen im 13. Jahrhundert nach den Beschädigungen in der Frühzeit erneuert.

In der Nordwand der Apsis befindet sich eine Sakramentsnische in Kleeblattform mit Falz aus der Erbauerzeit. Um 1200 entstanden die Kelchkapitelle (siehe oben), auf denen die Gewölberippen der Chorapsis stehen. Sie zeigen diamantierte Ranken. Der romanische Altar steht noch original in der Mitte des Chores. Darin befinden sich Reliquien des Hl. Benedikt, des Hl. Amendus und der Hl. Speziosa – ein Geschenk des Würzburger Bischofs Johann Georg. Der Taufstein, der neben der Öffnung zur innerhalb der Mauer liegenden Treppe steht, ist sehr alt – wahrscheinlich auch aus der Romanik.

Baugeschichte – Gotik

Nach den Renovierungen im 13. Jahrhundert übernahm wohl ein Meister die Bauleitung, der  schon mit der Gotik vertraut war. Der Sandsteinfries am äußeren Chormauerwerk zeigt mit seinen Spitzbögen bereits gotischen Einfluss, ebenso die Polygonalität des Chorgrundrisses und der leichte Spitzbogen der Choröffnung. Dies lässt darauf schließen, dass die Apsis wohl doch erst nachträglich angebaut wurde. In der Frühzeit der Gotik wurde der Turm eingebaut, um auch eine Glocke dort unterzubringen.

Der gotische Baumeister hielt die einmal festgelegten Abmessungen für den Einbau genau ein. Allerdings sind die Sockel der Turmpfeiler an den inneren Ecken noch auf romanische Weise ausgebildet. Fortschrittlich ist hingegen die Oberflächenbehandlung sowie die Fugung des Quaderwerkes, die sehr sauber ausgeführt wurde. Bei der Wölbung der Turmhalle wurde auf Runddienste verzichtet und die Rippen schwingen unmittelbar aus der Ecke heraus. Die Renovierungen wurden in dem bis dahin allgemein noch nicht oft verwendeten Lettenkohlesandstein vorgenommen. Er taucht vereinzelt im Chor und Turmgewölbe auf. In diesem Zusammenhang entstand auch das dreiteilige Birnstabprofil der Chorrippen, die allerdings noch reine Rundbogen sind. Im 14. Jahrhundert entstand die Grabplatte, die im nördlichen Teil des Fußbodens verlegt war, nun aber aus Erhaltungsgründen an der Nordwand lehnt. Pfarrer Steinam aus Poppenhausen entdeckte sie 1816. Sie zeigt einen bärtigen Mann mit Gugel (kapuzenähnliche Haube) und spitzen Schuhen.

Baugeschichte – Renaissance

In dieser Epoche wurde die Inneneinrichtung des Bauwerks um einige Stücke ergänzt. So bekam der romanische Altar einen mit Floris-Ornamentik versehenen Aufbau, der um das Jahr 1657 entstand, aber erst 1697 aufgestellt wurde. Eine Madonna mit Kind wurde an der Nordwand aufgestellt. Die Figur ist in der Spätrenaissance um 1600 entstanden, zeigt aber noch gotischen Einfluss.

Baugeschichte – Barock

Im 30-jährigen Krieg (1618 - 1648) wurde das Bauwerk ein zweites Mal zerstört. Die Naht unterhalb des Spitzbogenfrieses, der als Verlegenheitslösung nach der ersten Zerstörung betrachtet wird, zeigt, dass die Grundmauern damals nur bis etwa 3 m Höhe erhalten blieben. Im 17. Jahrhundert ging nun das Hauptgesims verloren und die verfallende Kapelle wurde von Bauern sogar als Steinbruch benutzt. Die Wiederherstellung war ärmlich, die Mauern wurden mit Bruchsteinen hergerichtet. Besonders augenfällig wird dies an der Nordwestseite und am Portal.

In diesem Zusammenhang wurden die Chormauern erhöht, um die gleiche Traufhöhe mit dem Oktogon zu erreichen. Außerdem nahm man die Gewände einiger der acht schmalen, spitzbogenartigen Schallöffnungen des Turmes heraus und verbreiterte sie so. In der Südwand wurde rechts neben dem Portal ein flachbogiges Fenster herausgebrochen.

Die Gemälde des Hl. Sigismund (siehe Umschlagrückseite) im Chor und des Jüngsten Gerichts an der südlichen Turmwand wurden erst 1929 wiederentdeckt. Den Jahreszahlen nach wurden beide 1658 gleichzeitig fertiggestellt.

Das gesamte Innere erhielt einen neuen, lebhaften Anstrich, der nun jedoch sehr verblasst ist. Die Rippen des Turmgewölbes waren ursprünglich schwarzgrau gestrichen und von Ornamenten, die noch existieren, eingefasst. Nun wurden Wände und Architekturteile gleichmäßig gelblich weiß gestrichen und die Rippen bekamen ein kräftiges Ziegelrot, das sich bis heute in ein dezentes Lichtrot verwandelt hat. Die frühbarocke Kanzel, die etwa 1650 entstanden ist, wurde 1697 an der Nordseite aufgestellt.

Wegen der zahlreichen Spenden erhielt die Kapelle 1690 einen steinernen Opferstock, an dessen verdeckter Hinterseite man eine ältere Jahreszahl vermutet.

Baugeschichte – 19. und 20. Jahrhundert

Die Zeit der Aufklärung brachte Einschneidendes mit sich. Auf Anordnung der Badischen Landesregierung wurde 1823 jeglicher Gottesdienst in der Kapelle verboten. 1827 erfolgte die Schließung des Bauwerkes – es wurde sogar auf Abbruch versteigert. Ein Einspruch der Gemeinde Oberwittighausen konnte dies glücklicherweise verhindern.

Die Ausbesserung des Daches erfolgte 1843, zwei Jahre später die bestandserhaltende Erneuerung. Von 1929 bis 1932 wurden umfangreiche Instandsetzungsmaßnahme vorgenommen. Hierbei kamen die beiden Fresken aus dem Jahr 1658 zum Vorschein. Der romanische Unterbau des Hauptaltars wurde neu gefasst. Während der Renovierung 1969 bis 1974 erfolgten große baulichen Veränderungen. Alle Fenster wurden nach Entwürfen von Valentin Feuerstein aus Neckarsteinach erneuert. Der Boden bekam einen Belag aus Muschelkalkplatten, die Decke wurde komplett erneuert. Im Osten wurde eine kleine, viereckige Öffnung im Gemäuer eingefügt, die zur Aufbewahrung von Sakralgegenständen genutzt werden kann.

Die vom Würzburger Bildhauer Otto Sonnleitner (1906 - 1985) gestaltete neue Eingangstür aus Bronze soll eine Erinnerung an das frühere Wasserheiligtum sein. Die Türgriffe stellen zwei nach Wasser lechzende Hirsche dar. Der Renaissance-Altaraufsatz wurde vom romanischen Unterbau entfernt und an die gegenüberliegende Westseite gebracht.

Tipp: Ausführlichere Informationen zur Kapelle St. Sigismund erhalten Sie im "Wittighäuser Heft 4: St. Sigismund". Hier online anschauen oder Druckversion bestellen.

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